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Liebesbrief in der Zeit von Joachim Bessing

Wo ist eigentlich Joachim? Sonst war er doch jeden morgen der Erste, der reingefedert kam und den Tag anschaltete! Niemand weiss etwas. In der Zeitung lesen wir schliesslich das:


wir kennen uns jetzt beinahe zwei Jahre. Damals habe ich gerade eine neue Wohnung bezogen, die keine Küche hatte. Ich entdeckte Dein Café morgens beim Streunen, es war halb acht. Richtig fing es mit uns an, als Du mir den ersten Kaffee aus Deiner alten Gaggia gelassen hast. Den ersten von ganz schön vielen. Bis dato, hab ich ausgerechnet, hab ich um die 1400 Tassen bestellt. Dazu noch die großen Johannisbeersaftschorlen, um die 400 Gläser, und circa 300 Käsetoasts.
Weißt Du noch, als Du mir später beim Koffeinentzug geholfen hast? Ist über ein Jahr her. Da habe ich den ganzen Juli nur noch heiße Schokolade getrunken. Du hattest extra eine dunkle Sorte besorgt, weil ich doch nichts Süßes mag. Das war gleich nach meiner Geburtstagsfeier, die ich auch bei Dir machen durfte. Eigentlich hast Du ja abends gar nicht auf. Das hat mir von Anfang an am besten gefallen, daß Dein Lokal nur für morgens und mittags da ist. Wenn Du mittags kochst, fängt es immer an, gut zu riechen, dann vermischt sich der Duft mit dem meines Kaffees, und dazu raschle ich mit meiner Frankfurter Allgemeinen.
Irgendwann war es uns beiden unangenehm, dass ich Dir am Ende unserer Morgen immer Geld in die Hand gegeben habe. Da hast Du mir den Vorschlag mit der Monatsrechnung gemacht. Das ist sehr schön, weil ich nun einfach kommen und gehen kann. Seither fühlt es sich noch mehr nach Zuhause an. Ich habe ja an vielen Orten gelebt, aber was ich immer gleich nach der Ankunft mache: Ich baue mir ein System aus einem Raum mit Bett, einem Café für die Morgenstunden und einem Souterrain für abends und Bier. Ich erinnere mich gerne an jedes dieser Systeme, auch an die, wo es manchmal nicht so schön war. Aber irgendwann kommt immer die Zeit, um weiterzuziehen.
Liebster Markus, ich konnte Dir das heute morgen nicht sagen. Ich habe es einfach nicht fertiggebracht. Verzeih mir, dass Du es heute aus der Zeitung erfährst: Das war unser letzter Morgen heute früh. Mein letzter Kaffee. Der letzte Toast. Meine Schorle habe ich nicht runtergekriegt.  So traurig hat mich das gemacht, dass ich Dich jetzt nur noch ganz selten sehen werde. Weil ich gleich nach dem Kaffee umgezogen bin. Jetzt lebe ich am anderen Ende der Stadt. Du kennst die Distanzen. Ein neues Café habe ich hier schon gefunden. Heiße Schokolade bestellt. Kein Vergleich. Ich werde mich daran gewöhnen. Ich habe mich schon an so vieles gewöhnt. Und ich weiß, dass diese Traurigkeit über das Ende unserer Beziehung nicht ewig halten wird. Irgendwann wird es mir besser gehen. Dir auch. Uns.

 

Joachim Bessing ist Schriftsteller und freier Autor. Er lebt in Berlin.

Geschrieben von: Markus

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