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GRR GRR MIAM MIAM GLU GLU, THEMROC FOREVER! oder: EIN LIEBESBRIEF AN ALI

Das Themroc in Berlin Mitte. Höchste Zeit diesem einzigartigen Phänomen, das sich als Restaurant tarnt und seinem Betreiber ein Denkmal zu setzen! Folgen Sie mir in eine ideale Welt in der der triebhafte Anarchismus gefeiert wird.

An einem warmen Juliabend schlendere ich ohne konkretes Ziel den Prenzlauer Berg nach Mitte hinab. Ich bin platt vom Arbeiten, weiß nicht, wohin mit mir, mein Kopf rauscht, obwohl er nach 12 Stunden in der Küche eigentlich leer ist. Nur ganz hinten kratzt die ewige Frage an meiner Restaufmerksamkeit: Gastronomie, was kann das alles sein? Welchen Zustand sollte ein idealer Laden seinem Gast liefern?

Willenlos folge ich der Schwerkraft bergab. Auf den nächsten fünfzig Metern befinden sich direkt vor mir:
Sushi Sticks and Sake, Galao: Toast und portugiesischer Kaffee, Eisdiele, Café Fleury, Yumcha Heroes: finest chinese dumplings, Restaurant Sauerkraut, Café Bar Gorki Park, Restaurant Bar Lounge Zur Rose, Spätkauf mit offener Fassade und maximal vielen Biertischen, mexican Streetfood Nata, Back-Factory, noch eine Eisdiele, Superfood Smoothies: cold pressed Juices – vegan – acai bowles  – superfood salads & quinoia bowls – glutenfree –  dairyfree – sugarfree.

Ich schlängele mich an den Läden vorbei durch die dichten Massen der allgegenwärtigen Sauftouristen und Hostelzombies am Rosenthaler Platz, weiter auf die Torstraße, die inzwischen auch schon von der  reinen Touristengastronomie infiziert ist. Als ich die Hoffnung, heute abend irgendwo anzukommen schon fast aufgegeben habe, komme ich weiter hinten in der Straße, da, wo die große Aufregung langsam nachläßt, am Restaurant Themroc vorbei.

GRR GRR MIAM MIAM GLU GLU steht auf der Fassade.

In dem Moment, in dem ich den Inhaber und großen Gastronomen Ali Reza selbst hinter seinem Tresen stehen sehe, wird mir klar, daß ich eigentlich nur losgelaufen bin, um hier anzukommen. Immer noch leicht benommen betrete ich die wunderbare Welt des Themroc. Großes Hallo, grüß Dich, Mensch! Wie läuft’s? Und bei dir? Ich stehe noch unschlüssig vor dem Tresen herum, da hat Ali schon in den Glastürkühlschrank direkt neben seinem grossen Gasherd gefasst, eine beschlagene Flasche rausgeangelt und mir im Handumdrehen ein Glas eingeschenkt:
„Rosé, mein Lieber?!?“
Ja, Rosé! Natürlich, was sonst?
Ich nicke.
Ali weiß längst, was ich brauche, noch bevor ich es weiß.
Ich richte mich auf dem Barhocker ein, Rücken zur Wand, den ganzen Laden im Blick.
„Willst du was essen? Soll ich dir was machen?“
„Nein danke. Küchenmagen.“

Das Restaurant hat eben erst geöffnet, letzte Vorbereitungen für das Abendgeschäft werden getroffen, alles an seinen Platz gerückt. Ich trinke zwei Schluck Wein und sehe mich erstmal um.
Das Themroc besteht aus zwei Räumen, die ineinander übergehen. Vorne bestimmt die offene Küche hinter dem kleinen Tresen die Stimmung, hinten ist es eine Bar. Überall an die Wände hat Ali Bilder gebappt, mit schwarzem Gaffa-Tape. Die meisten Bilder sind in schwarz-weiß. Ich tippe, daß es seine Inspirationen und seine Helden sind, die wir da sehen. Musiker, Künstler und andere geile Typen. Es ist, als wäre man in seinem Kopf zu Gast und sähe die Bilder, die er selbst verinnerlicht hat. Neben dem Eingang ein kleines Emailleschild: MOTOR ABSTELLEN. Genau:

Motor abstellen. MOTOR ABSTELLEN!

Hallt es in meinem Kopf. Das ist es doch! Langsam werde ich weich.
„Ali, was gibt’s denn heute?“
„Gegrillter Lachs mit Humus und Spinat, Lammkotelettes und dann Hollundersorbet mit Cremant.“
Wahnsinn, finde ich! Einfach nur 3 Gänge. Keine Alternativen. Keine vegetarischen Speisen, keine veganen Angebote. Ali kocht, was er selbst toll findet. Jeden Tag auf’s Neue. Und das zu fairen Preisen. Wenn man die Einkaufspreise der Lebensmittel schätzen kann und sich mit Restaurantkalkulation auskennt, kann man an Alis Preisen ablesen, daß er auf der Seite der Gäste ist. Die Entspannung und der Rosé wecken meinen Magen langsam auf.
„Kannst du mir doch ein bißchen Lachs machen?“
„Na klar, kleines Vorspeischen!“

Vor meinen Augen löffelt Ali einen Batzen Hummus aus dem Edelstahlbehälter, der neben dem Herd steht, streicht ihn auf einen Teller, sticht ein Stück von der gegrillten Lachsseite ab, setzt sie auf das Pürée und lässt ein paar Blätter Babyspinat draufrieseln, legt den Kopf schief und träufelt das Mango-Sesamdressing darüber. Dabei scheint er seinen Händen mit einer gewissen Distanz dabei zuzusehen, was sie gerade so improvisieren. Spätestens jetzt ist mein Herz auf Alis Seite: kein Herumgemache mit kleinen Quetschfläschchen, keine schwarzen Kopftücher und Piratenbärte, keine schwarzen Latexhandschuhe, nur ein Mann und eine mit fröhlicher Begeisterung zusammengestellte Küche, die um ihn herum gebaut ist.

Wenn das Themroc der Mikrokosmos seines Inhabers ist, dann ist die Küche wiederum das Abbild dieses Mikrokosmos‘. Ursprünglich war das mal ein Imbiss. Jetzt sind die Wände schwarz gekachelt. Der Gasherd mit dem schönen Spitznamen „the italian stallion“ wirkt mit seinen 6 Flammen ganz schön groß für den Laden, aber was soll’s, Feuer ist toll. Von dieser Kommandozentrale aus verteilt der grosse Ali seinen
Rock ’n‘ Roll und alles, was er zu geben hat, an seine Gäste.

An den drei mir am nächsten stehenden Tischen sitzen ein schlacksiges Touristenpaar, Ende dreißig, beide in Jeans und maritimen Shirts – ich tippe auf Holländer, dann zwei unruhige junge Hunde, die durch die Stadt streifen und dafür in ihre nagelneuen, extrem schwer aufzutreibenden Dreitausendeuro-Ziegenleder-Jacken geschlüpft sind, und schließlich ein mittelalter Typ in gut sitzendem, taubenblauen Sommeranzug, spitzen Schuhen, angenehm verlebtem Gesicht und eine schöne, in sich ruhende Frau, mit der man aus dem Stand wegfahren würde, wohin auch immer.
Und dann, im Verlauf dieses Abends passiert es wieder.

Das Themroc-Ding. Die Verwandlung. Das Motorabstellen.

Die Gäste vergessen die Welt, sie geben langsam ihre Selbstdarstellung auf und lassen sich vom Rausch fortspülen. Die jungen Hunde beschließen, doch hierzubleiben, weil die echt interessanten Frauen sowieso auch hier sind, die Holländer reiben unter dem Tisch zärtlich ihre Birkenstocks aneinander, und der Erfolgreiche im Anzug hört endlich auf, über sich selbst zu reden und wendet sich seiner schönen Begleitung zu. Inzwischen scheint jeder mit jedem über die Tische hinweg zu plaudern. Immer mehr neue Gäste werden hereingespült, dichtes Gedrängel am Tresen. Ein Paar strandet direkt neben mir. Offensichtlich sind sie öfters hier. Hallo, Ali stellt uns vor, sie waren eindeutig schon woanders, und auch ich bin schon beim dritten Glas. Von der Grundstimmung in Alis Themroc getragen sind wir uns auf Anhieb sympathisch. Komm doch mit, sagt der Stammgast, eine Flasche und zwei Gläser unter den Arm geklemmt, nickt er Richtung freier Tisch. Gerne ein anderes Mal, vielen Dank!

Der ganze Laden wirkt jetzt wie ein einziges, lärmendes, seeliges Durcheinander.
Ich trinke mein Glas aus und bin glücklich.
„Komisch, Ali, immer wenn ich was suche, komme ich zu dir!“
„Es ist Liebe, Baby!“, ruft Ali und verteilt Kusshände an Alle, um seine Worte zu unterstreichen.

Du sagst es, mein Lieber!

 

*Themroc ist die Hauptfigur eines Michel Piccoli Filmes aus den frühen 1970ern. Er spielt einen Arbeiter, dem die Sicherung durchbrennt. Er mauert die Tür seiner Pariser Wohnung zu, zerlegt mit dem Vorschlaghammer die Außenwand, zerrt sich die Klamotten vom Leib, wirft das Mobiliar auf die Straße und beginnt seine nächste Lebensphase als kannibalistischer Höhlenmensch, für den auch Inzest mit der eigenen Schwester kein Tabu mehr ist.
Es dauert nicht lange, bis sein Beispiel auf immer zahlreicher werdende Bewohner der umliegenden Wohnblocks abfärbt. In kürzester Zeit gähnen überall Löcher in den Wänden, und es wird ein triebhafter Anarchismus gelebt. Irgendwann rückt wegen dieser Verhältnisse die Polizei an. Doch selbst Staatsgewalt und Tränengas können dem Treiben keinen Einhalt gebieten. Zwei Polizisten landen auf dem Bratspieß und werden anschließend verspeist. Schließlich stöhnt und grunzt es überall in Paris. Auch zuvor war bereits kein einziges artikuliertes Wort gesprochen worden. Stattdessen waren ausschließlich Laute zu vernehmen gewesen, die entfernt an die französische Sprache erinnern:

GRR GRR MIAM MIAM GLU GLU

 

Der Text über den Film stammt von Wikipedia.

Geschrieben von: Markus

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