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— Meine Kochkolumne

Der Inselfischer Thomas Lex

"An die Ursprünge des Esssens reisen, dahin, wo es wächst und lebt, wo die Natur sich verwandelt in das, was wir auf den Teller bekommen. Wir nennen ihn nur noch: le Chef!" So lautet der Einleitungstext der deutsche Ausgabe von Frankreichs ältestem Modemagazin l'Officiel. Die Geschichten und Rezepte, die wir für die Kochkolumne dieses Magazins produziert haben, können Sie an dieser Stelle lesen.

Kalt ist es schon den ganzen Tag. Als die Fähre anlegt, die mich übersetzen soll, ist es auch noch dunkel geworden. Eine handvoll später Tagesausflügler geht scherzend von Bord, den langen Holzsteg entlang zurück aufs Festland. Ich bin der einzige Fahrgast der zusteigt und auch der einzige Passagier auf der ganzen Fähre. Auf dem Achterdeck stehend blicke ich in das von der Steglaterne beleuchtete, flaschengrüne Wasser. Der Boden der Fähre zittert, als der Motor anspringt. Mit einem tiefen Brummen fahren wir achteraus einen Halbkreis. Vor mir dreht das schwarze Nichts der Nacht durch mein Blickfeld, nur ein paar einzelne Lichter liefern etwas Orientierung. Wir fahren über das Wasser des Chiemsees, das bayrische Meer, entstanden am Ende der Eiszeit, direkt am Fuss der Alpen gelegen. Von seiner majestätischen Schönheit ist in dieser mondlosen Nacht nichts zu sehen.

Mein Ziel ist die kleine Insel Frauenchiemsee, die vor der grossartigen Kulisse der Alpenkette um die Kampenwand liegt. Seit langer Zeit fühlen sich Menschen angezogen von der starken Energie des Ortes und seiner einzigartigen Schönheit. Die ältesten Fundamente des Benediktinnerinnen Klosters der Insel datieren aus dem Jahr 782. In der Klosterkirche finde ich an einer intimen Stelle des Raumes, auf der Rückseite des Hauptaltars, eine Wand voller Votivtafeln und Danksagungen an die heilige Irmengard, die in grosser Not geholfen hat Söhne aus dem Krieg gesund nach Hause zu bringen oder schwere Krankheiten zu heilen. Erhöht über den Danksagungen angebracht, sieht man sie auf einem Ölbild über der Fraueninsel schweben. Die heilige Irmengard, einst Äbtissin dieses Klosters, wird hier verehrt als die Schutzpatronin des Chiemgaus.Auf dieser Insel lebt der Fischer Thomas Lex mit seiner Familie ein Leben, das auch zur Zeit der heiligen Irmengard nicht viel anders war. Seine Familie lebt von dem, was die Natur ihnen gibt.

 

Morgens um sieben bin ich verabredet den Fischer Lex am Nordsteg zu treffen. Der Himmel ist klar und die Temperatur darum auf minus 6 gesunken. Ich erkenne schon ein langes, offenes Fischerboot das vertäut am kleinen Steg liegt. Bis auf 2 Holzbretter zum Sitzen ist es komplett aus Edelstahl gebaut. Lang und schmal, elegant geschwungen, gerader Boden, starker Aussenborder. Der Fischer Lex kommt aus der Dunkelheit auf mich zu, von Kopf bis Fuss vermummt, in grünes Gummi gekleidet. Noch 2 Männer tauchen auf, genauso angezogen wie er. Es sind seine Söhne Florian und Tassilo. Fast wortlos werden mit routinierten Handgriffen Plastikwannen und Plastikkörbe eingeladen, der Reif von den Holzsitzen gewischt, wir verteilen uns im Boot, der Vater startet den Motor, legt rückwärts ab, wendet und nimmt zügig Fahrt auf. Das Boot ist erstaunlich schnell, die wenigen Insellichter werden rasch kleiner. Wir fahren raus, um die vier Netze einzuholen, die sie gestern ausgebracht haben. Heute fischen sie vor allem nach Renken, es werden aber auch ein paar Brachsen und ein Hecht ins Netz gegangen sein, zählt man noch den Aal dazu, sind das die wichtigsten Fischarten in diesem Gewässer.

Noch wärend der Fahrt werden die Plastikwannen aufgestellt, Florian schöpft Wasser hinein. Als wir beim ersten schwimmenden Kanister ankommen, der ein Netz markiert, färbt sich der Himmel orange. Gleich wird die Sonne aufgehen, aber noch ist sie hinter den Bergen. Die Fischer stehen zu dritt am Heck des Bootes, einer holt das Netz, die anderen zwei fädeln die Fische aus den Maschen und lassen sie in die Plastikwannen gleiten.

Als die Sonne die Nacht beendet und über den Bergkamm kommt, erleuchtet sie die ganze atemberaubende Schönheit der Szenerie. Wir sitzen in einem Boot inmitten einer Spiegelung des Sonnenaufganges, die Silhouette der Berge steht still über dem Wasser. Die drei Fischer arbeiten Hand in Hand mit dem Selbstverständnis von Menschen, die sich hier als ein Teil der Natur begreifen müssen.

Da das Ende der diesjährigen Saison naht, fischen die Lex’ heute auch nach dem Laich der Fische. Die 16 Chiemseefischer haben sich zusammengetan um die Fischpopulation konstant zu halten. Jedes Jahr wird gemeinsam Laich gefischt, befruchtet und aufgezogen um dann an die 100 Millionen jungen Fische wieder auszusetzen. Heute sind die Fischer sehr zufrieden mit ihrem Fang. Nach 2 Stunden sind alle Netze eingeholt, alle Behälter an Bord voll mit Fischen. Tassilo dreht den Motor hoch, wir fahren full speed mit leichter Schräglage durch die letzten Wolkenfetzen, die von der Sonne hell erleuchtet auf dem Wasser liegen. Der Vater Thomas kniet auf dem Boden, vor sich einen Behälter, in den er aus den Fischen den Laich und die Milch der Männchen drückt, damit die Eier befruchtet werden. Später wird er ihn in die Aufzuchtstation bringen.

Zurück auf der Insel werden die Kisten mit dem Fang mit knappen, effektiven Bewegungen auf Handwägen verladen und durch die gleissende Wintersonne zur Verarbeitung in die Werkstatt geschoben. Die Familie Lex ist ein Familienbetrieb wie aus einer anderen Zeit. In der Werkstatt wartet schon der 83 jährige Vater vom Fischer Lex auf die „Bubn“, um ihnen bei der Verarbeitung zu helfen. In dem kleinen Anbau hinter ihrem Wohnhaus werden die Fische von Hand geschuppt, von der Maschine filetiert, verlesen und ein Teil von ihnen über Buchenholz geräuchert. Der Direktverkauf sichert heute das Überleben der Fischer. Sie beliefern die Gastronomie und verkaufen ihren Fisch auf der Insel im Imbiss als Matjes oder geräuchert mit dick Meerettich in einer frisch gebackenen Semmel.

Der junge Tassilo Lex bietet sich an, mich am Nachmittag überzusetzen. Wir fahren im leeren Boot los, Tassilo steht vor dem Aussenborder. Er sagt, für seinen Bruder Florian wäre es klar gewesen, dass er Fischer wird. Er selbst hat in München studiert, bis ihm klar wurde, dass er die Insel und die Natur vermisst. Er lässt den Motor laufen, zündet sich eine Zigarette an. Hinter ihm wird die Fraueninsel vor dem Bergpanorama langsam kleiner. „Ich musst’ erst weggehen, bis ich gemerkt hab, wie schön es hier ist!“ Und was hatte die Ordensschwester in der Klosterkirche zu mir gesagt? Wer einmal die Kraft hier gespürt hat, der kommt wieder.

TIP:

Frische Chiemseerenken, Brachsen, Renken nach Matjes Art, geräucherte Renken und Aal können Sie direkt bestellen bei www.chiemseefische.de. Die Ware wird versendet.

 

Text und Fotos: Markus Schädel

Geschrieben von: Markus

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